Sonntag, 2. September 2012

Ein Bericht der sich selbst widerspricht

In einem Bericht der Tagesthemen mit dem Titel "Die ideale Brutstätte für Extremismus" wird versucht den Sinai als die bezeichnete "Brutstätte für Extremismus" darzustellen. Die Argumente dafür sind meiner Meinung nach mehr als dünn. 

  • ab 02:12 (in der Rückwärtszählung d.h. Zeit bis zum Ende des Videos) heißt es "Folge der schlechten Behandlung der Sinai ist eine Hochburg von Islamisten." Das ist die Behauptung; jetzt folgen diverse diffuse Begründungen. 

  • Die erste: 02:08 "Bei den Parlamentswahlen wählte jeder Vierte im Nord-Sinai die Salafisten." Es ist schwierig an verlässliche Zahlen zu den Parlamentswahlen zu kommen. Das Wahlsystem ist kompliziert und das Ergebnis wurde für ungültig erklärt. Es ist selbstverständlich jedem selbst überlassen welchen Zahlen und welcher hier genannten Quelle er glaubt. Kann man von einer "Hochburg" sprechen, wenn im Nord-Sinai 26,63% die salafistische Partei des Lichts wählt, in der Region Marsa Matruh 67,79% und im gesamten Land der (von der Partei des Lichts geführte) Islamische Block 27,8% der Stimmen erhält? Ich meine Nein. Vielleicht kommt aber noch eine Begründung warum der Sinai eine Hochburg von Islamisten sei.

  • 02:03 "Nicht jeder Beduine ist ein Extremist, aber unter den Beduinen haben die Radikalen viele Sympathisanten." Das macht weder die Beduinen noch die sympathisierenden Beduinen zu Extremisten.

  • 01:44 "8. August. Islamisten überfallen einen Grenzposten und ermorden 16 ägyptische Soldaten. Umgehend beginnt die Vergeltung der ägyptischen Armee an den Extremisten. Ob auch Beduinen darunter sind ist Unklar." Da muss eigentlich nicht viel kommentiert werden. Nach wie vor kein gutes Argument dafür, dass Beduinen Extremisten sind.

  • 01:24 "Hier am Tatort wo die Grenzer ermordet wurden finden wir einen Augenzeugen, der nicht nur den Angriff beobachtet hat, sondern auch die Extremisten." 01:12 Der Augenzeug: "[Die Extremisten] stammten nicht von hier, sie waren größer als die Leute vom Sinai und sie sprachen in einem fremden Dialekt". Das ist sogar ein gutes Argument gegen extremistische Beduinen.

  • 01:03 "sechzehnhundert islamistische Fanatiker sollen angeblich auf dem Sinai leben." Abgesehen von dem "angeblich": macht das die Bevölkerung zu solchen? Die Frage ist, ob die islamistischen Fanatiker überhaupt zur Bevölkerung gehören oder nicht. Denn nur dann können auch Beduinen unter den Fanatikern ihnen sein – müssen aber nicht, da die Beduinen in etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Wenn die Islamisten (von wo auch immer) auf den Sinai kommen (und danach sieht es aus, wie der Augenzeuge bei 01:12 angibt), ist das etwas ganz anderes als wenn sich die Bevölkerung radikalisiert (wie es der Titel versucht zu behaupten). Der Bericht geht darauf nicht näher ein.

  • 00:52 "Ein Hinweis auf terroristische Aktivitäten. Ein beduinischer Anwohner zeigt uns die Überreste einer Hütte, die die Armee vor zwei Wochen zerstört hat. Die Bewohner: Bombenbauer" Die Einzige Verbindung zwischen den "Bobenbauern" und diesem einen Beduinen ist, dass der Beduine zeigt, wo die Bobenbauer gewohnt haben – auch das macht diesen oder gar alle Beduinen nicht zu Bobenbauern.

  • 00:08 "Kein Wasser, keine Arbeit, keine Hoffnung. Der Nord-Sinai in Ägypten: Eine ideale Brutstätte für Extremismus." Das war das Schlusswort. Ein "Beweis", Tatsachen oder ein gutes Argument dafür, dass aus der Bevölkerung durch die Vernachlässigung Extremisten werden, fehlt. Stattdessen liefert der Bericht eher sogar Hinweise darauf, dass die Extremisten nicht aus dem Sinai stammen und widerspricht sich damit selbst.

Nachtrag 04.12.2012: am 14.09.2012 habe ich folgende Antwort-Mail der Tagesthemen-Redaktion erhalten:

"Sehr geehrter Herr SPeidel[sic!],

vielen Dank für Ihre detaillierten Anmerkungen zum Beitrag von Thomas Aders.
Als Redakteur der Sendung habe ich mir das Stück noch einmal angesehen und bin in einem
zentralen Punkt anderer Meinung als Sie. Sie suchen nach einer stichhaltigen Argumentation in dem
Beitrag, dass unter den Beduinen im Sinai zahlreiche Extremisten seien.
Mein Kernsatz dieses Beitrages lautet dagegen: Die Vernachlässigung der Region durch den Staat führt dazu, dass viele Beduinen mit den Extremisten,
die hier kürzlich Anschläge verübt haben, sympathisieren. das sagt der Autor auch ausdrücklich. Deshalb finde ich die Aussage, dass die beobachteten Attentäter einen anderen Körperbau als
die Einheimischen haben, auch schlüssig. Der Beitrag kann über die Identität der Radikalen selbst  nur Vermutungen anstellen; was er sagen will, ist dass im Sinai ein politisches Klima herrscht, dass
Raum für Anschläge, eventuell sogar für Unterstützung derselben schafft.
Ich will aber der Meinung des Autors gar nicht vorgreifen, sondern wollte Ihnen nur meine Wahrnehmung schildern.
Ich leite Ihre Anmerkung deshalb gerne an Thomas Aders weiter, der Ihnen sicher antworten wird.


Mit freundlichen Grüßen,
Christian Gräff


Christian Gräff
ARD-aktuell
Redaktion Tagesthemen"

und am 15.09.2012 vom Autor:

"Lieber Herr Speidel,
herzlichen Dank fuer ihre Kritik

Sie haetten mit allen ihren aussagen vollkommen recht, wenn ich
tatsaechlich behauptet haette, dass die beduinen auf dem sinai selbst zu
den gewaltbereiten extremisten gehoeren. Aber genau das habe ich nirgendwo
im beitrag getan.

Was ich versucht habe darzustellen, war das klima der frustration bei den
beduinen, resultierend aus der jahrzehntelangen, schlechten behandlung
durch die regierung.

Die islamistischen extremisten haben ihre eigene agenda: die zerstoerung
israels und der bewaffnete kampf gegen Ägypten, das seinen (bruechigen)
Frieden mit israel gemacht hat, die grenzen sichert (und damit zugleich zum
Einsperren der Palaestinenser im gazastreifen beitraegt), und sogar Erdgas
nach israel liefert.

Wuerden die beduinen besser von kairo behandelt werden, waeren sie
vermutlich auf seiten der regierung, und wuerden ihre erkenntnisse ueber
die terroristen (die sie zweifellos haben) mitteilen. Doch das tun sie
derzeit noch nicht, weil sie sauer sind

Diese zusammenhaenge in der kurzen dauer der tagesthemen zu erklaeren, ist
sehr schwierig, und manchmal nicht befriedigend, das gebe ich zu.

Beste Gruesse aus Damaskus,

Ihr

Dr. Thomas Aders
Correspondent Middle East
ARD German TV
1125, Maspiro
Cairo, Egypt"

Füd diese E-Mails bin ich dankbar, denn sie sind hilfreich, da sie Aussage des Beitrages näher erklären. Unstrittig dürfte sein, dass die Beduinen frustriert (weil schlecht behandelt), und die Extremisten weitgehend keine Beduinen vom Sinai sind.

Einen konkreten Hinweis dafür, dass diese schlechte Behandlung (oder die Frustration) kausal für den Islamismus verantwortlich ist ("Folge der schlechten Behandlung der Sinai ist eine Hochburg von Islamisten.") fehlt dem Bericht. Die einzigen nicht zu widerlegende (weil kaum wiederlegbaren) Aussagen die einen konkreten Zusammenhang (nicht Kausalität) zwischen den frustrierten Beduinen und den Extremisten herstellt, ist "Nicht jeder Beduine ist ein Extremist, aber unter den Beduinen haben die Radikalen viele Sympathisanten. Gemeinsamer Gegner: die Regierung." Davon lasse ich mich noch nicht überzeugen. Hinweise darauf, dass Beduinen bswp. Grenzposten überfallen, Bomben bauen oder überproportional häufig eine radikale Partei wählen, fehlen bzw. es wird das Gegenteil festgestellt.
Dass es abgesehen von der aktiven Beteiligung der Beduinen auch eine Unterstützung der Islamisten (durch Geld, Waffen, Versorgung, Wissen, Gewährenlassen etc.) bzw. das Unterlassen der Kooperation mit der Regierung gibt oder geben kann, möchte ich gar nicht abstreiten, nur ist das im Bericht nicht enthalten - es bleibt die persönlich Mutmaßung des Zuschauers.

Ich würde es also begrüßen, wenn Herr Aders mehr Sendezeit in den Tagesthemen bekommt. Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache: Bei der Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga hätte man sicher eine Minute einsparen können. Wie lange die Fußball-Berichterstattung war, muss man erst noch ausrechnen - Online wird sie nämlich herausgeschnitten (was ihren Wert noch fragwürdiger macht). In der Mediathek wird die Dauer der gesamten Sendung mit gut 23 Minuten angegeben. Das gekürzte YouTube-Video ist knapp 17 Minuten lang. Nach Adam Riese wurden also gut 6 Minuten Fußball-Berichterstattung herausgeschnitten.

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