Samstag, 12. Oktober 2013

Verbesserungsbedarf beim Bayern-Ticket

Stellen Sie sich vor, sie reisen mit Fremden auf einem Bayern-Ticket mit und alle können sich sicher sein ein gültiges Ticket zu besitzen. - Leider nur ein Traum, denn beim Status quo kann es passieren, dass man mit einem Besitzer eines Bayern-Ticket in den Zug steigt, in der Annahme auf dem Ticket mitzufahren und im Zug von Kontrolleuren "in Zivil" erklärt bekommt, man habe kein gültiges Ticket und müsse eine Fahrpreisnacherhebung zahlen. Die Deutsche Bahn sollte ihre Beförderungsbedingungen ändern. 

Wie es zu solchen unerfreulichen Situationen kommen kann, und was dagegen unternommen werden sollte, möchte ich hier erläutern. Ich ziehe meine Schlüsse auf Basis des gesunden Menschenverstandes, der Regelungen zum Bayern-Ticket von der Deutschen Bahn (werde ich "RBT" abkürzen) (http://www.bahn.de/regional/view/mdb/pv/deutschland_erleben/allgemein/tickets/2012/mdb_84186_bt_befoerd_bed_ab100612.pdf), der Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn (werde ich "BB" abkürzen) (http://www.bahn.de/p/view/mdb/bahnintern/agb/2013/mdb_127576_befoerderungsbedingungen_07_10.pdf) und auf einer E-Mail die ich von der Deutschen Bahn erhalten habe.

Für die Erörterung der Problematik ist es wichtig sich mit den rechtlichen Rahmenbedigungen auseinander zu setzen und klar abzugrenzen was rechtliche Formulierungen der Deutschen Bahn sind, und was meine darauf aufbauende Sichtweise.

Rechtliches zur Gültigkeit des Tickets:

Das Ticket erlangt seine Gültigkeit bei durch Eintragung von Geltungstag, Name und Vorname des 
Reisenden mit der längsten Reisestrecke (Punkt 3.4 RBT):
"Ein Bayern-Ticket ist nur gültig, wenn in den dafür vorgesehenen Feldern des Tickets Geltungstag, Name und Vorname des Inhabers mit der längsten Reisestrecke eingetragen sind. Der Inhaber muss diese Angaben vor Fahrtantritt unauslöschlich in Druckbuchstaben eintragen, sofern dies nicht bereits vom Verkaufssystem vorgenommen wurde.

Bei der Fahrkartenkontrolle ist auf Aufforderung die Identität durch einen amtlichen Lichtbildausweis nachzuweisen."

Und es verliert seine Gültigkeit bei nachträglicher Änderung des eingetragenen Namens und/oder des Geltungstages (6.2 RBT):
"Durch nachträgliche Änderungen des eingetragenen Namens und/oder des Geltungstags wird ein Bayern-Ticket/Bayern-Ticket Single ungültig."

Meine Sichtweise zur Gültigkeit des Tickets:

Die in den RBT genannten Kriterien für eine (Un)Gültigkeit decken sich mit 2.9 BB:
"Eine Fahrkarte ist ungültig, wenn (i) sie die erforderlichen Angaben, Eintragungen, Unterschrif-
ten und Lichtbilder nicht enthält, (ii) sie erheblich beschädigt oder in ihrem Inhalt unkenntlich
gemacht oder unbefugt abgeändert wurde, (iii) sie nur in Verbindung mit einem Ausweis oder
einer Berechtigungskarte gültig ist und diese nicht vorgelegt werden können oder abgelaufen
sind, (iv) ihre Geltungsdauer noch nicht erreicht oder abgelaufen ist oder (v) sie vorgeschriebe-
ne Entwertungen nicht aufweist."
wobei 3.4 RBT dem Satzteil (i) und 6.2 RBT dem Teil (ii) entspricht. Teil (iii) und (v) ist beim Bayern-Ticket nicht von Bedeutung. Der Geltungsbereich und die Geltungsdauer aus Teil (iv) soll hier nicht diskutiert werden. 

Für das hier betrachtete Problem ist auch 6.3 RBT wichtig zu erörtern:
"Nach Fahrtantritt (bei mehreren Fahrten: nach Antritt der ersten Fahrt) ist der Austausch von Personen ausgeschlossen. Bei abweichender Nutzung der Fahrkarte (z.B. ohne Reisenden nach Nr. 3.4) gelten die Regelungen der BB Personenverkehr Nr. 3.9."[Anm.: 3.9 regelt den erhöhten Fahrpreis] 
6.3 RBT führt also nicht explizit zur Ungültigkeit des Bayern-Tickets auch nicht nach den BB 2.9, weshalb ich der Meinung bin, dass das Bayern-Ticket in diesem Fall weiterhin gültig bleibt.


Meine Sichtweise zum Austausch von Personen:

6.3 RBT verbietet nicht einen Austausch von Personen, sondern er definiert quasi, dass ein Austausch "rein technisch" nicht möglich ist (und damit weder erlaubt noch unerlaubt). Ich würde (wenig juristisch) sagen "es liegt in der Natur eines Bayern-Tickets, dass jeder Reisende der mit ihm gefahren ist, für alle Zeiten mit diesem Ticket verbunden ist, und dass die Anzahl solcher Reisenden nicht größer als die angegebene Zahl an Reisenden [im Weiteren der Einfachhalt halber: 5] sein darf."


Meine Sichtweise zur Mitnahme weiterer Personen (die "keinen Platz" mehr auf dem Bayern-Ticket haben):

Wenn ein Besitzer eines gültigen Bayern-Tickets entgegen dem wahren Sachverhalt (es sind schon insgesamt 5 verschiedene Personen mit dem Ticket gereist) zu einem Reisenden sagt, er könne auf dem Ticket mitfahren, so täuscht er den Reisenden. Der Reisende (nicht aber der Besitzer des Bayern-Tickets - s. Meine Sichtweise zur Gültigkeit des Tickets) fährt somit ohne gültige Fahrkarte. Rechtlich ist es meines Erachtens nicht zu beanstanden, dass die Deutsche Bahn in diesem Fall einen erhöhten Fahrpreis von den Mitreisenden verlangt und von den Besitzer des Tickets wegen Betrugs anzeigt. Eine Erschleichung von Leistungen durch die getäuschten Mitfahrer sehe ich, mangels Absicht das Entgelt nicht zu entrichten, als nicht gegeben.

Das Problem:

Das "Bestrafen" der Beteiligten ist allerdings nur von Nöten, weil das Grundproblem an angegangen wird: die Eintragung von nur einer Person ist unzureichend um die Bindung anderer Personen an das Ticket zu erfassen.

Das Problem aus Sicht des Mitfahrenden:

Die erste problematische Sache für den Mitfahrer ist, dass er keinerlei Möglichkeiten hat zu prüfen, ob auf einem Ticket die Anzahl an Mitreisenden bereits ereicht wurde (und durch seine Reise überschritten würde) oder nicht. Es ist ja erlaubt, dass eine Person eine längere Reisestrecke hat als die anderen Reisenden (3.4 RBT. Zudem müssen die Reisenden beim Kauf noch nicht feststehen, wie mir die Deutsche Bahn am 05.10.2013 per E-Mail mitteilte: "Eine rechtliche Verpflichtung, dass die Namen der Reisenden beim Kauf feststehen müssen, besteht nicht.") und bereits im Besitz eines Bayern-Tickets ist, wenn die anderen Reisenden zusteigen. Ein Zangenabdruck auf dem Ticket ändert an der Gültigkeit auch nichts (s.o.). Zweiter problematischer Punkt: selbst wenn ein Mitfahrer darauf besteht beim Kauf des Tickets dabei zu sein, so kann er nicht sicher sein, dass der Name durch den Käufer unauslöschlich eingetragen wird. Durch das Anbieten eines eigenen Stiftes werden in dem Problem nur die Personen ausgetauscht, das Problem aber bleibt bestehen. 

Das Problem aus Sicht des Betrügers:

Das Problem am Status quo kommt dem Betrüger zu Gute, er kann sehr leicht vorgeben, alleine mit dem Ticket gereist zu sein. Des weitern ist das Aufdecken des Betrugs nur Möglich wenn er an einem Tag vom selben Kontrolleur insgesamt mit mehr als 5 verschiedenen Personen kontrolliert wird. Der Süddeutschen Zeitung (SZ) gegenüber sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn, dass das schwierig zu kontrollieren ist (http://www.sueddeutsche.de/bayern/geschaeft-mit-dem-bayernticket-professionell-schwarzfahren-1.1663749-2). 
Zur Überprüfung der Unauslöschlichkeit kann ich nur aus meiner Erfahrung berichten, dass ich eine solche Überprüfung noch nie mitbekommen habe.

Das Problem aus Sicht der Deutschen Bahn:

Der finanzielle Schaden ist zwar schwer zu beziffern (in dem verlinkten SZ-Artikel sind für Bayern grob 100.000€/Jahr geschätzt) aber auf jeden Fall gegeben, weswegen die Deutsche Bahn eigentlich bemüht sein sollte den Betrug aufzudecken (und, was bisher leider nicht passiert, ihn versucht zu verhindern). Wie schon oben beschrieben ist der Nachweis des Betrugs für die Deutsche Bahn sehr schwierig, weswegen sie offenbar gezwungen ist Kontrolleure "in Zivil" einzusetzen. "Überführen" diese dann doch einen Betrüger, stellt sie bei den getäuschten Mitreisenden einen erhöhten Fahrpreis in Rechnung - ob das die Kundenbindung erhöht, wage ich zu bezweifeln. Die Überprüfung der Unauslöschlichkeit findet meiner Erfahrung nach nie statt, was die Betrugsmöglichkeit stark erweitert.
 

Der Vorschlag:

Der so naheliegende Vorschlag ist es, jede Person die mitreist (und nicht nur wie bisher den Reisenden mit der längsten Reisestrecke) dazu verpflichten, bei ihrem Fahrtantritt ihren Namen auf dem Ticket zu vermerken. Dass die Anzahl der Reisenden bereits beim Kauf feststehen muss, ist durch die Preisstaffelung selbstverständlich, nur die Namen sollten flexibel, zu unterschiedlichen Zeitpunkten, eintragbar sein. 

Die (möglicherweise) zeitversetze Eintragung der Namen unterscheidet mein Anliegen von dem ähnlichen, hier (https://www.facebook.com/dbbahn/posts/10200953929361198) vorgebrachten Vorschlag der offenbar dahin gehend interpretiert wurde, dass alle Namen bereits bei Kauf / Fahrtantritt des Reisenden mit der längeren Reisestrecke eingetragen werden müssen. Der von DB Bahn vorgebrachte Einwand mit dem kurzfristigen Auswechseln einer Person wäre hier hinfällig.

Pro und Contra des Vorschlags:

Pro:
  1. Jeder Reisende kann durch das eigenhändige Eintragen seines Namens sicherstellen, dass er nicht getäuscht wird und auf einem gültigen Ticket mitfährt. Tut er das nicht und überlässt die Eintragung dem Käufer riskiert er, dass sein Name auslöschlich eingetragen wird und er somit kein gültiges Ticket besitzt.
  2. Das Ticket würde nur noch ungültig, wenn der Käufer den Geltungstag selbst einträgt und nachträglich ändert. Das wäre aber mit dem heutigen Regelfall, dass der Geltungstag bereits vom Verkaufsautomaten eingetragen wird, nicht möglich.
  3. Wenn ein Reisender gegenüber dem Kontrolleur wahrheitswidrig vorgibt eine auf dem Ticket eingetragene Person zu sein, macht sich nur dieser Reisende des Betrugs schuldig. Die Gültigkeit des Tickets für die anderen Reisenden wäre nicht beeinträchtigt.

Contra:
  1. Bei dem Verdacht auf eine Falsche Angabe zur Person, würde (wie die DB Bahn in oben verlinktem Post anmerkt) die Pollitical Correctness es wohl notwendig machen, die Identität aller Reisenden zu überprüfen was länger dauern würde als die Überprüfung einer einzigen Identität.
  2. Es könnte datenschutzrechtliche Vorbehalte geben, dass eine Person die Vor- und Zunamen von vier weiteren Mitreisenden kennt. 
  3. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Betrüger die Namen von Mitreisenden selbst auslöschlich einträgt. In diesem Fall würden diese Mitreisenden ohne gültiges Ticket fahren (unauslöschlich eingetragene Namen anderer Reisenden behielten ihre Gültigkeit). Beim Status Quo sind aber alle Reisenden darauf angewiesen, dass der Besitzer des Tickets seinen Namen unauslöschlich einträgt. Tut er das nicht haben alle kein gültiges Ticket.

Offene Fragen:

  1. Es müsste geklärt werden, ob es möglich ist dass bspw. ein Reisender von A nach B alleine Fährt, dann mit vier weiteren Reisenden von B nach C und dort seine Reise beendet, aber das Ticket an einen dieser Reisenden übergibt, damit dieser noch alleine von C nach D fahren kann.
  2. Ist bei unterschiedlichen Zielen wie bisher eine mündliche Einigung darüber welche Person über das Ticket verfügen darf, noch möglich? 
Nachtrag 26.10.2013 11:25 Uhr: Die Bahn beziffert den schaden durch die "Schlepper" für Bayern auf zwichen 430.000 und 1.380.000 Euro. Die überfällige Pflicht alle Namen auf dem Bayern-Ticket einzutragen soll im Dezember 2013 kommen. http://www.sueddeutsche.de/bayern/betrug-mit-dem-bayern-ticket-schlepper-am-schalter-1.1802179

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen