Mittwoch, 10. Juni 2015

Good cop, bad cop? Not easy to tell.

Eigentlich ist die taz eine hilfreiche Stelle, wenn man Informationen zu Fällen von Polizeigewalt sucht. Beim Schreiben des Wikipedia-Artikels (http://de.wikipedia.org/wiki/Polizeigewalt_(Kriminologie)) konnte ich in vielen Fällen nur bei der taz auch nach der ersten Aufmerksamkeitswelle erfahren wie eine Sache weiter-/ausgegangen ist.

Heute habe ich einen Artikel gelesen, der in der Beschreibung des Vorfalls leider recht einseitig in Richtung "bad cop" geht: http://www.taz.de/!5203115/
Dem Einleitungssatz könnte man unterstellen, dass er die Assoziation „rassistischer weißer Polizist erschießt schwarzen Jugendlichen“ wecken soll: „Ein weißer Polizist, schwarze Teenager, eine Waffe und Jugendliche am Boden.“ Nur durch Anschauen des Videos oder wenn man voraussetzt, die taz-Autorin Rieke Havertz würde es explizit schreiben wenn jemand gestorben wäre, weiß man, dass am Ende alle leben. In vielerlei Hinsicht ist der Fall nicht vergleichbar mit anderen Videos wie bspw. dem zu Walter Scotts Tod (https://www.youtube.com/watch?v=fg3GrfR2wiQ). Hevertz fasst das aktuelle Video (https://www.youtube.com/watch?v=R46-XTqXkzE) so zusammen:
„Das Video [...] zeigt einen Streifenpolizisten, der seine Waffe völlig unbegründet auf eine Gruppe von unbewaffneten Jugendlichen richtet und ein Mädchen auf den Boden zwingt, sie mit seinem gesamten Körpergewicht herunterdrückt und ihren Kopf auf den Asphalt presst. Mehrfach hört man den Beamten rufen: ,Get your ass on the ground.' Die Lage auf dem Video scheint chaotisch, aber keineswegs dramatisch gefährlich zu sein. Die einzige Aggressivität geht von dem Beamten aus, die Situation wird schließlich durch andere Polizisten beruhigt.“
Einseitig (und teilweise falsch) an dieser Darstellung ist für mich folgendes:
  • Das Ziehen der Waffe ist für mich nicht „völlig“ unbegründet. Als der Polizist (aus welchen Gründen auch immer – diese Maßnahme erschließt sich mir bisher nicht) das Mädchen zu Boden bringen will, eilen zwei weitere Mädchen im Bikini direkt zu ihm und dem Mädchen (Minute 3:07) und fast zeitgleich (3:10) zwei jüngere Männer in kurzen Hosen und T-Shirt bzw. Muscle-Shirt. Die Bekleidung erwähne ich, denn in oder unter der Bekleidung der Männer könnten sich durchaus Waffen befinden (ein Revolver passt in eine Hosentasche: http://www.spiegel.de/reise/aktuell/flughafen-duesseldorf-passagier-will-mit-geladenem-revolver-ins-flugzeug-a-660499.html oder in den Hosenbund: vgl. https://www.holsterusa.com/home.php?cat=251 oder https://www.youtube.com/watch?v=gsCWK4XYHV8) und im vorliegenden Video greift einer der Männer sich nahe der Hosentasche an den Hosenbund. Wie ich es sehe, macht er das öfter (3:06, 3:08, 3:10), vermutlich weil die Hose nicht richtig sitzt. Weil ich mir im Video in Ruhe anschauen konnte, wie sich der Mann mehrfach an seinen Hosenbund greift, gehe ich davon aus, dass er nicht plante den Polizisten zu erschießen oder zu erstechen. Dass der Polizist in dieser Situation aber genau das befürchten könnte, finde ich nicht total abwegig, weshalb es m.E. nicht „völlig“ unbegründet wäre, wenn er zur (Putativ)Notwehr seine Waffe zieht.
  • Woher weiß Havertz, dass die Männer tatsächlich unbewaffnet waren? Selbst wenn sie es wüsste (bspw. weil die Männer direkt im Anschluss durchsucht wurden), kann man mit dem eigenen Wissen um das Unbewaffnetsein der Männer nicht vom Polizisten das selbe Wissen fordern und ihm einen Vorwurf daraus machen, dass er nicht diesem Wissen entsprechend handelte. Ich habe bislang keinerlei Anhaltspunkte, dass der Polizist wusste, dass die Männer unbewaffnet waren (und auch nicht, dass ihm vorzuwerfen ist, dass er es versäumt hat sich vorher dieses Wissen anzueignen). Als Polizist in solch einer Situation würde ich zur eigenen Sicherheit davon ausgehen, dass der Mann bewaffnet ist (man schaue sich an, wie verbreitet Waffen in US-amerikanischen Haushalten, und deswegen vermutlich auch auf der Straße, sind: http://www.pewresearch.org/fact-tank/2014/07/15/the-demographics-and-politics-of-gun-owning-households/). Ich kenne mich nicht gut mit dem Deutschen Polizeireicht aus, aber wenn ich bspw. diesen (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/polizei-schiessen-offensive-waffenhaltung) Artikel lese, scheinen die Voraussetzungen für das Ziehen der Waffe nicht sonderlich hoch zu sein. Auf jemanden damit zu schießen ist eine ganz andere Sache und hier (zum Glück) nicht relevant. Dass der Polizist (kurzzeitig) die Waffe in die Gegend der Männer richtet ist aus meiner Sicht vertretbar, wenn er sich von diesen bedroht fühlte; warum er auf sie zugeht ist mir aber nicht klar - vielleicht um nicht in die Defensive zu geraten. Für eine fundiertere Einschätzung des Verhaltens fehlt mir das Wissen über das Wissen des Polizisten und seine Beweggründe. Aus den Informationen ergibt sich für mich weder das Bild eines Polizisten der rein auf Gewalt aus ist, noch dass er vollkommen besonnen handelt.
  • Wirklich falsch ist die Behauptung, der Polizist würde den Kopf des Mädchens auf den Asphalt drücken. Er versucht sie zwar auf dem Asphalt zu Boden zu bringen, lässt davon aber ab, weil er die Waffe gegen die Männern zieht. Nachdem seine Kollegen offenbar (vgl. 5:50 ff.) dem einen weglaufenden Mann hinter rennen, bringt der Polizist das Mädchen auf dem Rasen zu Boden und drückt dort deren Gesicht auf den Boden. Das ist nicht schön anzusehen, das Knien auf dem Oberkörper ist m.E. auch nicht ungefährlich (s. Eric Garner https://www.youtube.com/watch?v=LfXqYwyzQpM) und mir erschließt sich wie gesagt bisher nicht der Grund für diese Maßnahme, aber es ist einfach falsch zu sagen, es wäre der Asphalt gewesen (sollte ich mal in so eine Situation geraten, wäre ich sehr froh, wenn das auf einem Rasen und nicht dem Asphalt geschieht). (Am Rande: der Stern schreibt fälschlicherweise, dass das Mädchen „an den Haaren zu Boden gerissen wurde“ http://www.stern.de/panorama/poolparty-in-mckinney-polizist-ruehmt-sich-mit-video-seines-brutalen-einsatzes-2199788.html)


  • Laut Pressemitteilung der der Gemeinde wurde die Polizei nach dem ersten Anruf wegen (Ruhe (?))Störung nochmals gerufen, weil die Jugendlichen kämpften. Eine Einschätzung dazu ob die Jugendlichen tatsächlich kämpften und wenn Ja, gegen wen und ob sie das taten weil der Polizist sie provozierte, gibt Havertz nicht. Es kann gut sein, dass alle friedlich waren und nur der Polizist aggressiv, aber ebenso möglich ist für mich, dass auch andere Beteiligte aggressiv waren.
Ich weiß, dass ich selbst einige Annahmen mitbringe was wahrscheinlich und was unwahrscheinlich ist, aber ich sage wo ich mir sicher oder unsicher bin und warum. Natürlich haben Journalisten mehr Informationen als ich, aber sie sollten auch die Quelle (soweit möglich) näher nennen („Laut Polizeibericht ...“, „Wie Augenzeugen schilderten ...“, „Der Sender XY hat erfahren, dass ….“).
Zusammengefasst würde ich mir von der Autorin wünschen, dass sie die inhaltlichen Fehler korrigiert, sich auch in den Polizisten hineinversetzt, zu den behaupteten Fakten mehr schreibt oder sie streicht und last but not least: an dem Fall dran bleibt – so wie ich es an der taz schätze!

Nachtrag 10.06.2015 19:10 Uhr: Wenn man so die heutigen Artikel liest, kann man durchaus zum Schluss kommen, dass es schon vor dem Eintreffen des/der Polizisten Aggressionen gab (s. bspw.  http://www.washingtonpost.com/news/morning-mix/wp/2015/06/08/go-back-to-your-section-8-home-texas-pool-party-host-describes-racially-charged-dispute-with-neighbor/, http://www.nytimes.com/2015/06/10/us/police-officer-in-mckinney-tex-resigns-over-incident-caught-on-video.html?_r=0 oder http://www.taz.de/!5203330/ und vorallem https://twitter.com/k1dmars/status/607031054147452928


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